Die Wirkung von Storytelling: Was in unserem Gehirn passiert (Faktencheck)

Das Titelbild des Beitrags über die Wirkung von Storytelling zeigt die Frage "What is your Story?" und impliziert, dass wirklich alle Menschen eine Story haben.

„Storytelling ist tot.“

Diesen Satz habe ich in letzter Zeit mehr als einmal gelesen. Vor allem in den Kommentaren unter meinen LinkedIn-Posts wurde gegen Storytelling geschossen. 

Manche argumentieren, dass Geschichten im Business nichts verloren haben. Andere empfinden Storytelling als Marketing-Trick oder als rhetorische Spielerei.

Ich verstehe, woher diese Skepsis kommt. Wenn Storytelling schlecht gemacht ist, wirkt es schnell konstruiert. Zu dramatisch. Zu inszeniert. Zu weit weg von der Realität und manchmal sogar manipulierend.

Und trotzdem halte ich die Aussage „Storytelling ist tot“ für falsch.

Denn Storytelling ist kein Trend. Storytelling ist eine biologische Konstante. Menschen erzählen sich seit Jahrtausenden Geschichten. Also schon lange bevor es PowerPoint-Präsentationen, Podcasts oder LinkedIn gab.

Wenn wir also über die Wirkung von Storytelling sprechen, sprechen wir nicht über ein Kommunikationstool. Wir sprechen über eine grundlegende Funktionsweise unseres Gehirns.

Genau darum geht es in diesem Beitrag. Wir schauen uns die Wirkung Storytelling aus neurowissenschaftlicher Perspektive an. Was passiert eigentlich in unserem Kopf, wenn wir eine Geschichte hören? Warum erinnern wir uns an Geschichten besser als an Zahlen? Und wo liegen die Grenzen dieser Wirkung?

Falls du zunächst klären möchtest, was Storytelling überhaupt bedeutet, habe ich dazu bereits einen eigenen Beitrag geschrieben: Alles, was Du über Storytelling wissen musst.

Hier gehen wir einen Schritt weiter. Wir schauen uns die Wirkung von Storytelling an, und zwar aus wissenschaftlicher Perspektive.

Die Psychologie dahinter: Warum Geschichten uns fesseln

Um die Wirkung von Storytelling zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf eine zentrale Eigenschaft unseres Gehirns: Es liebt Ordnung.

Unsere Umwelt besteht aus einer Flut an Informationen: Geräusche, Bilder, Zahlen, Meinungen, Eindrücke. Würden wir all diese Informationen ungefiltert verarbeiten, wären wir schnell überfordert.

Ein junger Mann nutzt die Wirkung von Storytelling bei seiner Präsentation und ist selbst begeistert

Die Wirkung von Storytelling zeigt sich auch bei uns selbst

Deshalb sucht unser Gehirn ständig nach Struktur.

Und genau hier kommen Geschichten ins Spiel.

Eine Geschichte ist im Grunde nichts anderes als eine strukturierte Form von Information. Sie hat einen Anfang, eine Entwicklung und ein Ende. Sie stellt Zusammenhänge her. Sie erklärt Ursachen und Konsequenzen.

Diese Struktur hilft unserem Gehirn enorm. Statt isolierte Fakten zu verarbeiten, ordnen wir Informationen in ein verständliches Gesamtbild ein. Genau deshalb entfaltet sich die Wirkung Storytelling oft so stark.

Narrative als kognitive Abkürzung

Psychologinnen und Psychologen sprechen hier von „Narrativen“. Das Wort verwende ich auch in meinen Trainings. Ein Narrativ ist ein Deutungsrahmen, der komplexe Informationen in eine nachvollziehbare Struktur bringt.

Wenn wir beispielsweise hören:

„Unser Unternehmen hat den Umsatz um 18 Prozent gesteigert.“

Dann ist das eine Information.

Wenn wir dagegen hören:

„Vor zwei Jahren standen wir kurz davor, ein wichtiges Projekt zu verlieren. Wir haben uns beim Offsite in Hamburg mit Franzbrötchen zusammengesetzt und durch die neuen Ideen nach einer Woche einen neuen Kunden gewonnen. Dieser Kunde ist  heute für 18 Prozent unseres Umsatzes verantwortlich.“

Dann entsteht ein Narrativ.

Die Fakten sind ähnlich. Die Wirkung ist eine andere. Genau hier zeigt sich die Wirkung von Storytelling.

Identifikation und Spiegelneuronen

Ein weiterer wichtiger Faktor sind sogenannte Spiegelneuronen. Diese Nervenzellen reagieren, wenn wir selbst eine Handlung ausführen, aber auch, wenn wir beobachten, wie jemand anderes etwas tut.

Das bedeutet: Wenn wir eine Geschichte hören, erleben wir sie bis zu einem gewissen Grad mit.

Ein Mann macht ein Selfie mit seinem Publikum nach dem Storytelling

Die Wirkung von Storytelling können wir beim Publikum sehen

Wenn eine Protagonistin scheitert, empfinden wir Frustration. Wenn sie ein Problem löst, empfinden wir Erleichterung. Diese emotionale Resonanz ist ein zentraler Bestandteil der Wirkung von Storytelling.

Geschichten sind deshalb nicht nur Informationen. Sie sind kollektive Erfahrungen im Miniaturformat.

Der Hormon-Check: Dopamin und Oxytocin im Einsatz

Die Wirkung von Storytelling lässt sich nicht nur psychologisch erklären. Auch neurochemisch passiert in unserem Körper einiges.

Zwei Hormone spielen dabei eine besonders wichtige Rolle: Dopamin und Oxytocin.

Dopamin: Der Treiber der Aufmerksamkeit

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der stark mit Motivation und Aufmerksamkeit verbunden ist.

Immer wenn unser Gehirn etwas Spannendes erwartet, steigt der Dopaminspiegel. Wir kennen das vom Scrollen durch Social Media, da wir nie wissen, was uns als nächstes erwartet. Spannungskurven in Geschichten lösen diesen Mechanismus ebenfalls aus.

Die Gehirne des Publikums denken nach. Zum Beispiel über:

Eine offene Frage.
Ein ungelöstes Problem.
Einen Konflikt.

All diese Elemente aktivieren unser Belohnungssystem. Wir werden neugierig und wollen wissen, wie die Geschichte weitergeht. Diese Dynamik erklärt einen Teil der Wirkung von Storytelling: Geschichten gewinnen unsere Aufmerksamkeit und halten sie länger als reine Fakten.

[BILD: Was zum Nachdenken auslöst]

Eine Übersicht über die 3 Gründe aus der Wirkung von Storytelling, die zum Nachdenken anregen (eine offene Frage, ein ungelöstes Problem und ein offensichtlicher Konflikt)

Storytelling wirkt, weil es das Publikum zum Nachdenken anregt

In Präsentationen lässt sich das gut beobachten. Eine Folie mit Zahlen erzeugt kurz Aufmerksamkeit und dann driftet das Publikum ab. Eine Geschichte hingegen erzeugt Erwartung.

Und Erwartung erzeugt Dopamin. Das alleine reicht aber noch nicht.

Oxytocin: Das Hormon des Vertrauens

Der zweite wichtige Faktor ist Oxytocin. Dieses Hormon wird oft als „Bindungshormon“ bezeichnet. Es spielt eine wichtige Rolle bei Vertrauen und sozialer Nähe.

Der Neuroökonom Dr. Paul Zak hat in mehreren Studien untersucht, wie Geschichten unseren Oxytocin-Spiegel beeinflussen. Seine Ergebnisse zeigen: Wenn Menschen emotional in eine Geschichte eingebunden sind, steigt die Oxytocin-Ausschüttung. Falls Du mehr erfahren willst, höre gerne in diesen Podcast mit Paul rein.

Das führt zu mehr Empathie gegenüber der erzählenden Person.

Oder einfacher gesagt: Wir vertrauen Menschen eher, wenn sie Geschichten erzählen.

Genau deshalb entfaltet die Wirkung von Storytelling auch im Business-Kontext so viel Kraft. Geschichten schaffen Nähe. Und Nähe schafft Vertrauen.

Warum wir Geschichten besser behalten

Ein Effekt aus der Kombination beider Hormone betrifft unser Gedächtnis.

Studien zeigen immer wieder, dass Menschen sich an Geschichten deutlich besser erinnern als an isolierte Fakten. Zahlen verschwinden schnell aus dem Kurzzeitgedächtnis. Geschichten hingegen bleiben oft lange präsent.

Ein Buch mit einer Lichterkette drin als Symbol für die Wirkung von Storytelling

Die Wirkung von Storytelling lässt Wörter lebendig wirken - geschriebene wie gesprochene

Das liegt daran, dass Geschichten mehrere Gehirnregionen gleichzeitig aktivieren: Sprachverarbeitung, Emotion, Bildvorstellung und soziale Kognition.

Je stärker unser Gehirn involviert ist, desto stärker ist die Gedächtnisspur. Genau deshalb ist die Wirkung von Storytelling so stark, wenn es um Lernen und Erinnern geht und daher eine unschlagbare Präsentationstechnik.

Die Kehrseite: Wenn Storytelling nicht funktioniert

So wirkungsvoll Storytelling sein kann, hat es auch Grenzen. Und manchmal sogar negative Effekte.

Frustration durch fehlende Struktur

Schlechtes Storytelling erkennt man meist sofort. Die Geschichte hat keinen klaren roten Faden. Sie verliert sich in Details. Oder sie führt zu keinem klaren Punkt.

In solchen Momenten kippt die Wirkung von Storytelling ins Gegenteil. Statt Orientierung entsteht Verwirrung.

Das Publikum fragt sich: „Worauf will die Person mit dieser Geschichte eigentlich hinaus?“

Gerade im Business-Kontext passiert das häufig. Geschichten werden erzählt, ohne dass klar ist, welche Botschaft sie transportieren sollen.

Negative Emotionen als Blocker

Emotionslose Präsentationen sind ein Problem. Aber auch die Emotionen an sich können problematisch sein.

Emotionale Geschichten funktionieren grundsätzlich gut, aber nicht jede Emotion ist hilfreich. Angst, Ekel oder starke Frustration in der Geschichte können die Aufnahmefähigkeit blockieren.

Wenn das Publikum emotional überfordert ist, schaltet das Gehirn in einen Schutzmodus. Die kognitive Verarbeitung tritt in den Hintergrund.

Auch hier zeigt sich: Die Wirkung von Storytelling hängt stark davon ab, wie bewusst Geschichten eingesetzt werden.

Manipulation und ethische Verantwortung

Ein besonders sensibles Thema ist Manipulation.

Geschichten können Menschen überzeugen. Genau deshalb werden sie auch in politischen Kampagnen, Werbung oder Propaganda eingesetzt.

Die Wirkung von Storytelling bringt also Verantwortung mit sich. Wer Geschichten erzählt, beeinflusst Perspektiven.

Für mich gilt deshalb eine klare Regel: Transparenz vor Inszenierung.

Storytelling sollte niemals dazu dienen, Fakten zu verzerren oder Menschen emotional zu überrumpeln. Gute Geschichten helfen beim Verstehen. Sie ersetzen keine Argumente.

Praxis-Tipps: Die Wirkung im Business-Alltag maximieren

Nach all den wissenschaftlichen Hintergründen stellt sich eine praktische Frage: Wie nutzen wir die Wirkung von Storytelling im Alltag sinnvoll?

Authentizität schlägt Perfektion

Viele Menschen glauben, eine gute Geschichte müsse perfekt inszeniert sein. Dramatische Wendung. Klarer Held. Emotionaler Höhepunkt.

In der Realität wirkt oft das Gegenteil besser. Eine Studie (The Power of Brand Storytelling) aus  dem Jahr 2015 zeigte, dass wir vor allem nahbare Protagonistinnen und Protagonisten bevorzugen. Wir wollen Alltagsgeschichten hören.

Ein Mann schaut in den Spiegel und sieht sich dabei selbst bei der Übung von Storytelling

Für die perfekte Wirkung von Storytelling müssen wir üben - zum Beispiel vor dem Spiegel

Eine ehrliche, ungeschönte Geschichte wirkt glaubwürdiger als eine perfekt konstruierte Story. Authentizität verstärkt die Wirkung von Storytelling, weil sie Vertrauen erzeugt.

Gerade im Business-Kontext reicht oft ein kurzer Erfahrungsbericht aus der Praxis.

Storytelling ist ein trainierbarer Skill

Ein weiterer wichtiger Punkt: Storytelling ist kein Talent, das man entweder hat oder nicht hat.

Es ist eine Fähigkeit.

Wie bei Moderation, Präsentation oder Gesprächsführung gilt auch hier: Übung macht den Unterschied. Je häufiger wir Geschichten erzählen, desto besser verstehen wir, was funktioniert.

Die Wirkung von Storytelling entsteht nicht über Nacht. Sie wächst mit Erfahrung. Hier findest Du 10 Übungen aus meinem Präsentationstraining.

Fazit: Die biologischen Fakten lügen nicht

Man kann Storytelling mögen oder nicht. Man kann es als Trend betrachten oder als Kommunikationsstrategie.

Aber eines lässt sich schwer bestreiten: Unser Gehirn reagiert auf Geschichten. Und das sage ich nicht nur, weil ich in der Schule den Biologie Leistungskurs hatte.

Die Psychologie zeigt, dass Narrative komplexe Informationen verständlicher machen. Die Neurowissenschaft zeigt, dass Hormone wie Dopamin und Oxytocin unsere Aufmerksamkeit und unser Vertrauen beeinflussen. Und die Gedächtnisforschung zeigt, dass wir Geschichten besser behalten als isolierte Fakten.

Die Wirkung von Storytelling ist also kein Mythos. Sie ist biologisch erklärbar.

Das bedeutet nicht, dass jede Geschichte automatisch funktioniert und alle Menschen ausnahmslos Storytelling lieben. Schlechte Geschichten bleiben schlechte Geschichten. Und Storytelling ersetzt keine klaren Argumente.

Aber richtig eingesetzt kann Storytelling etwas leisten, das reine Fakten selten erreichen: Es verbindet Information mit Emotion. Es schafft Bedeutung. Und es hilft Menschen, komplexe Inhalte wirklich zu verstehen.

Genau deshalb bin ich überzeugt: Storytelling ist nicht tot.

Im Gegenteil.

Wer Menschen erreichen möchte, kommt an der Wirkung von Storytelling kaum vorbei. Und das gilt auf der Bühne, im Büro und im Privatleben.


Ralf Leister

Ralf Leister ist Präsentationstrainer. In praxisnahen Trainings unterstützt er Teams und Einzelpersonen dabei, ihre Botschaften klar, lebendig und überzeugend zu präsentieren – auf der Bühne, vor der Kamera und im digitalen Raum.

Auf https://www.ralfleister.com/ teilt er erprobte Präsentationstipps und Impulse für wirkungsvolle Kommunikation in der modernen Business-Kommunikation.

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