Präsentation üben: Warum Du nie wieder von vorne anfangen solltest
Ich war als Schüler richtig gut darin, Gedichte auswendig zu lernen. Ich konnte sie fehlerfrei aufsagen, solange niemand mich unterbrach.
Denn sobald ich den Faden verlor, gab es nur einen Weg zurück: von vorne anfangen. Genauso war es beim Klavierspielen. Verspielte ich mich in Takt zwölf, rollten meine Finger automatisch zurück zu Takt eins. Anders ging es nicht. Ich bin einfach nicht mehr reingekommen. Weder in die Gedichte, noch in die Klavierstücke.
Lange dachte ich, das sei normal. Bis ich merkte, dass ich dieselbe Gewohnheit ins Präsentieren mitgenommen hatte.
Einmal von Anfang bis Ende durchlaufen. Und dann nochmal. Und nochmal, immer von vorne. Das Ergebnis: Ich kannte den Einstieg auswendig. Den Rest? Naja.
Seitdem übe ich Präsentationen anders. Nicht von vorne nach hinten. Sondern in Abschnitten, mal aus der Mitte, mal nur den Schluss, mal einen einzelnen Übergang. Das hat meine Art zu präsentieren grundlegend verändert.
Darum geht es in diesem Beitrag. Denn das Präsentation üben ist keine Frage der Quantität. Es ist eine Frage der Methode.
Warum die meisten falsch üben
Die häufigste Art, eine Präsentation zu üben, sieht so aus: Folien aufmachen, einmal durchklicken, dabei den Text murmeln und hoffen, dass es am Tag selbst klappt.
Das Problem daran: Man übt den besten Fall. Nicht den Ernstfall.
Im Ernstfall passiert irgendetwas. Eine Frage kommt dazwischen. Die Technik hängt. Der Gedanke ist plötzlich weg. Wer nur von Anfang bis Ende geübt hat, ist in diesem Moment verloren, weil er nie gelernt hat, an einem beliebigen Punkt wieder einzusteigen.
Die typischen Folgen kennt jede Person, die schon einmal vor Publikum gestanden hat: ein Blackout nach einer Unterbrechung, steife und holprige Übergänge oder eine Abhängigkeit vom eigenen Einstieg. Wenn der sitzt, läuft der Rest irgendwie. Wenn nicht, bricht alles zusammen.
Was dann passiert, beschreibe ich ausführlich in meinem Beitrag über Lampenfieber. Und wer wissen möchte, welche Fehler dabei besonders häufig gemacht werden, findet in meinem Beitrag über Anfängerfehler bei Präsentationen eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Ein weiterer blinder Fleck beim Präsentation üben betrifft den Einstieg. Viele Vortragende üben ihn intensiv und vernachlässigen dabei, dass er in den Rest führen muss. Was einen starken Einstieg wirklich ausmacht, habe ich in meinem Beitrag über den Anfang einer Präsentation beschrieben.
Wenn ich eine Präsentation übe, schalte ich die Folien manchmal bewusst aus. Gerade am Anfang wie bei dieser Keynote
Meine Methode: Präsentation üben in Abschnitten
Wie ich bereits in meinem früheren Beitrag über das Klettern und Klavierspielen beschrieben habe, steckt in diesen Sportarten eine wichtige Lektion für das Präsentieren: Profis trainieren keine ganzen Routen. Sie trainieren einzelne Züge, gezielt und wiederholt.
Genau das ist die Idee hinter dem Üben in Abschnitten.
Teile Deine Präsentation in drei bis fünf logische Abschnitte ein. Dann übe jeden Abschnitt separat. Starte mal in der Mitte, mal kurz vor dem Schluss, mal direkt nach dem ersten Hauptpunkt. Das klingt ungewohnt und fühlt sich zunächst auch so an. Aber genau das ist der Punkt.
Der besondere Fokus gehört dabei den Übergängen. Sie sind die kritischsten Momente einer Präsentation und werden am seltensten geübt. Ein Übergang verbindet zwei inhaltliche Gedanken.
Wenn er holpert, spürt das Publikum es sofort. Wir laufen Gefahr, dass wir den roten Faden verlieren. Außerdem sind schlechte Übergänge prädestiniert dafür, das Publikum zu überfordern. Wenn der Übergang allerdings fließt, wirkt die gesamte Präsentation strukturierter und souveräner.
Wer seine Präsentation in Abschnitten übt, entwickelt eine Unabhängigkeit vom Flow. Keine Angst mehr vor Unterbrechungen. Kein zwanghaftes Zurück zu Folie eins. Stattdessen die Fähigkeit, an jedem Punkt souverän weiterzumachen.
Konkrete Methoden fürs Präsentation üben
Das Üben in Abschnitten ist die Grundlage. Hier sind weitere Methoden, die ich in meiner eigenen Praxis und in meinen Trainings regelmäßig einsetze.
Laut üben, immer
Im Kopf klingt alles glatt. Laut gesprochen offenbaren sich die Stellen, die noch holpern. Stimme, Tempo, Pausen, all das existiert nur, wenn Du wirklich sprichst. Wie Du dabei Deine Stimme bewusst einsetzen kannst, beschreibe ich in meinem Beitrag über Stimme und Sprechwirkung.
Besonders anfällig sind hierbei Fachbegriffe und Namen.
Aufnehmen
Video oder Audio, beides bringt mehr als jedes Bauchgefühl. Die meisten Menschen scheuen diese Methode, weil sie unangenehm ist. Genau deshalb ist sie so wirksam. Du siehst und hörst, was das Publikum wahrnimmt, nicht was Du glaubst zu zeigen.
Vor echten Menschen üben
Der eigene Freundeskreis, Kolleginnen, Kollegen, egal. Eine lebende Person im Raum verändert alles. Das Nervositätslevel steigt, die Aufmerksamkeit ist anders, das Feedback ist echt. Übe deshalb mindestens einmal vor einer Person, die Dir ehrlich sagt, was angekommen ist und was nicht.
So solltest Du eine Präsentation nicht üben: Nur vor dem Laptop sitzend
Mit Timer üben
Viele Präsentationen scheitern daran, dass die Zeit nicht stimmt. Mit Timer zu üben gibt Dir ein realistisches Gefühl für Tempo und Länge. Und es zwingt Dich, Entscheidungen zu treffen: Was lasse ich weg, wenn es eng wird?
Dieser Punkt ist besonders wichtig, wenn Du beispielsweise als Startup im Rahmen eines Pitch-Wettbewerbs präsentierst. Die Timings werden dabei in der Regel sehr konsequent eingehalten. Und es wäre doch mehr als ärgerlich, wenn Du nicht zum Call-To-Action kommst.
Ohne Folien üben
Was bleibt übrig, wenn die Visualisierung wegfällt? Diese Frage ist unbequem und deshalb so wertvoll. Wer seine Präsentation ohne Folien erzählen kann, hat sie wirklich verstanden. Wer es nicht kann, verlässt sich zu sehr auf die Slides.
Viele machen den Fehler, dass sie beim Üben ununterbrochen auf den Bildschirm mit der Visualisierung starren. Das ist keine gute Vorbereitung, denn bei der Präsentation selbst, sollte der Blick vor allem aufs Publikum gerichtet sein.
Improvisation trainieren
Brich bewusst an einer Stelle ab und steige neu ein. Lass jemanden Dich mittendrin unterbrechen. Simuliere den Ernstfall, bevor er eintritt. Das trainiert genau die Flexibilität, die beim Üben von vorne nach hinten verloren geht.
Dabei lohnt es sich auch, die eigene Körpersprache zu beobachten, besonders in Momenten, in denen es inhaltlich schwieriger wird. Mehr dazu in meinem Beitrag über Körpersprache.
Zehn konkrete Übungen, die ich in Trainings einsetze, findest Du außerdem in meinem Beitrag über 10 Übungen fürs Präsentationstraining.
Was Du beim Präsentieren üben beobachten solltest
Üben ohne Beobachtung ist wie Laufen ohne zu schauen, wohin man läuft. Deshalb ist die Frage, was Du beim Üben wahrnimmst, genauso wichtig wie die Methode selbst.
Wo stockt es immer wieder? Diese Stellen sind kein Zufall. Sie zeigen Dir, wo inhaltliche Unsicherheit steckt oder wo die Struktur noch nicht rund ist. Genau dort braucht es mehr Aufmerksamkeit, nicht mehr Wiederholungen des Ganzen.
Wie klingen die Übergänge? Fließend oder abgehakt? Ein holpriger Übergang ist meistens kein Sprachproblem. Er ist ein Strukturproblem. Der Gedankensprung zwischen zwei Abschnitten ist noch nicht klar genug.
Wie ist die Körpersprache in schwächeren Momenten? Viele Vortragende werden kleiner, wenn sie inhaltlich unsicher sind. Die Schultern fallen nach vorne, der Blickkontakt bricht ab oder sie gehen einen Schritt nach hinten. Das Publikum spürt diese Momente, oft unbewusst.
Wenn ich eine Präsentation übe, studiere ich bewusst Körpersprache mit ein
Wo verlierst Du selbst das Interesse? Das ist der ehrlichste Indikator. Wenn Du beim Üben merkst, dass Dein eigener Fokus nachlässt, wird es dem Publikum genauso gehen. Diese Stellen brauchen entweder mehr Energie oder weniger Inhalt.
Häufige Fragen rund ums Präsentationstraining beantworte ich in einem eigenen Beitrag: Häufige Fragen im Präsentationstraining.
Wie viel Präsentation üben ist genug
Eine universelle Antwort gibt es nicht. Aber eine klare Orientierung schon.
Der Präsentationscoach Jesse Desjardins bringt es im Interview mit LTO auf den Punkt: Für einen guten einstündigen Vortrag sollte man mindestens 30 Stunden Vorbereitung einplanen und die Präsentation mindestens dreimal üben. Das klingt viel. Und ja, in der Realität ist das oft nicht umsetzbar. Aber der Grundgedanke dahinter stimmt: Die meisten Menschen üben viel zu wenig.
Wissenschaftlich untermauert wird das durch Anders Ericssons Forschung zum gezielten Üben, bekannt geworden durch sein Buch Peak. Ericsson zeigt, dass es nicht die Anzahl der Wiederholungen ist, die Kompetenz aufbaut. Es ist die Qualität des Übens. Gezieltes, bewusstes Üben mit klarem Fokus schlägt blindes Wiederholen jedes Mal.
Der Unterschied zwischen „auswendig kennen" und „wirklich sitzen" ist spürbar, für Dich und für das Publikum. Wer eine Präsentation wirklich sitzen hat, braucht nicht mehr nachzudenken. Die Struktur ist im Körper. Die Übergänge fließen. Die Energie bleibt für das Publikum.
Aber Vorsicht: Zu viel Üben kann schaden. Wer eine Präsentation überprobt, verliert die Natürlichkeit. Der Vortrag klingt auswendig gelernt, und das merkt das Publikum. Authentizität ist kein Zufall, sie ist das Ergebnis von Übung, die irgendwann aufhört. Wie Selbstbild und Selbstwahrnehmung dabei eine Rolle spielen, beschreibe ich in meinem Beitrag über Selbstbild.
Die Faustregel, die ich in meinen Trainings gebe: Übe so lange, bis Du nicht mehr nachdenken musst. Und dann noch einmal. Aber nicht noch zehnmal.
Fazit zu Präsentation üben
Üben ist nicht gleich Üben.
Wer eine Präsentation immer nur von Anfang bis Ende durchläuft, trainiert einen Flow, aber keine Flexibilität. Wer in Abschnitten übt, laut spricht, sich aufnimmt und gezielt an den Übergängen arbeitet, ist im Ernstfall vorbereitet. Nicht auf den besten Fall. Auf alles.
Die nächste Präsentation ist die nächste Gelegenheit. Fang heute an, aber diesmal nicht von vorne.
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Nicht von Anfang bis Ende, sondern in Abschnitten. Wer eine Präsentation immer nur von vorne durchläuft, trainiert einen Flow, aber keine Flexibilität. Wer stattdessen aus der Mitte startet, mal nur den Schluss übt oder gezielt an einzelnen Übergängen arbeitet, ist im Ernstfall vorbereitet, auch wenn jemand unterbricht oder die Technik hängt.
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Präsentationscoach Jesse Desjardins empfiehlt für einen einstündigen Vortrag mindestens 30 Stunden Vorbereitung und mindestens drei vollständige Durchläufe. Forscher Anders Ericsson zeigt in seinem Buch Peak, dass nicht die Anzahl der Wiederholungen entscheidet, sondern die Qualität des Übens. Gezieltes, bewusstes Üben schlägt blindes Wiederholen jedes Mal.
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Weil im Kopf alles glatt klingt. Laut gesprochen offenbaren sich die Stellen, die noch holpern. Stimme, Tempo und Pausen existieren nur, wenn man wirklich spricht. Wer zusätzlich eine Audio- oder Videoaufnahme macht, sieht und hört, was das Publikum wahrnimmt, nicht was man selbst zu zeigen glaubt.
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Wer überprobt, verliert die Natürlichkeit. Der Vortrag klingt auswendig gelernt, und das merkt das Publikum. Die Faustregel lautet: Üben, bis man nicht mehr nachdenken muss. Und dann noch einmal. Aber nicht noch zehnmal. Authentizität ist das Ergebnis von Übung, die irgendwann aufhört.
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Weil sie am häufigsten vernachlässigt werden und gleichzeitig am stärksten auffallen. Ein holpriger Übergang ist meist kein Sprachproblem, sondern ein Strukturproblem. Wenn der Gedankensprung zwischen zwei Abschnitten noch nicht klar ist, spürt das Publikum es sofort. Wer gezielt an Übergängen übt, wirkt deutlich souveräner.

